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Guten Morgen, liebe Sorgen

8. Juli 2012

Soso, Sie und ich, wir sorgen uns also nicht genug um Deutschland. Meint die Bundeskanzlerin. Ganz ehrlich: Sollte es nicht Aufgabe der Politikerinnen und Politiker sein, sich um das Land zu sorgen?
 Unsere Aufgabe, also Ihre und meine und die von Herrn Schmidt und Frau Müller, ist es, dafür zu sorgen, dass unsere Kinder genug zu essen haben und ihre Hausaufgaben machen, dass wir pünktlich am Arbeitsplatz sind, dass wir dort mindestens acht Stunden täglich volle Leistung bringen und dass wir das solcherart schwer verdiente Geld nutzen, um bei heimischen Firmen Waren und Dienstleistungen einzukaufen.
 Bei all diesen Verpflichtungen bleibt verflixt wenig Zeit, sich um Deutschland Sorgen zu machen. Was ist das eigentlich, Deutschland? Ist das der wiedervereinigte Staat, der in vielen Köpfen immer noch geteilt ist? Ist das die kollektive Erregung, die uns alle zwei Jahre erfasst,wenn Jogis Jungs mal wieder einen Fußballtitel holen sollen? Ist es ein Volk, das als Lieblingsspeise „Pizza“ angibt, aber sobald Italien Jogis Elf aus der EM schießt, in dumpfbackige Hasstiraden ausbricht? Auf der anderen Seite stehen die Berufsbetroffenen und Gutmenschen, die während der Europameisterschaft die Deutschlandflaggen von den Autos gerissen haben, um damit angeblich ein Zeichen gegen Nationalismus zu setzen.
Wer das sieht, hätte reichlich Grund, sich Sorgen zu machen. Auch Nichtsportler finden genug Themen zum Haareraufen:
 Wer soll die Energiewende bezahlen? Warum kriegen die Bauern keine gerechten Preise für ihre Milch? Warum sind die Straßen so schlecht, obwohl wir Kfz-Steuer zahlen? Warum kriegt Lothar Matthäus eine eigene Fernsehshow?
 Wer lang genug sucht, findet garantiert etwas, über das er sich Sorgen machen kann. Aufmerksame Leser dieser Kolumne wissen es: Probleme, Ärger und Missmut sind vor allem eine Sache der Einstellung. Wie gehen wir damit um? Je mehr Energie wir hineinstecken, desto besser wachsen sie. Wer sich auf Sorgen und Nöte fixiert, wird bald nichts anderes mehr sehen. Wie schon Schopenhauer sagte: „Hindernisse überwinden ist der Vollgenuss des Daseins“. Und ein bisschen moderner: Der TV-Held McGyver braucht bloß ein Schweizer Messer, um sich aus jeder noch so prekären Situation zu befreien.
 Ich kann zwar „die Welt“ nicht verändern. Aber ich kann Veränderungen anstoßen in meiner Familie, bei meinen Freunden, Arbeitskollegen und Nachbarn – „meine Welt“ kann ich gestalten. Oder, wie schon Großmutter wusste: Wenn jeder vor der eigenen Türe kehrt, wird es irgendwann überall sauber sein.

Sonntag in Franken, Lebens-Art, Ausgabe 8. Juli 2012, Seite 2

From → Vermischtes

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