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Journalismus ist gerade wohl sehr schwierig …

12. Dezember 2012

Frankfurter Rundschau, Financial Times Deutschland, Prinz – überregionale Zeitungen sterben derzeit wie die sprichwörtlichen Fliegen. Aber auch vor Ort ist die Lage nicht rosig. Eigentlich könnte ich die Einstellung des Sonntag in Franken begrüßen, denn es bedeutet deutlich weniger Arbeit für mich (als ich vor drei Jahren bei der Tageszeitung ausstieg, arbeiteten wir zu fünft an der Mittwochsausgabe. Die letzten Wochen habe ich ganz alleine zwei Ausgaben pro Woche produziert). Aber ich habe dieses Blatt gern gemacht. Ich habe experimentieren können: Beteiligung der Leser, Foto-Aktionen, Zehn-Minuten-Serie, meine Kolumne Lebens-Art, heimatkundliche Themen, ein bisschen „Landlust“-Stil. Ein ideales Spielfeld. Ich habe es gemocht. Vor allem die Sport-Kollegen haben mich unterstützt, denn sie konnten aktuell viele Themen unterbringen.
Schade, dass es das nicht mehr gibt. Allerdings kann ich die Gründe für die unternehmerische Entscheidung nachvollziehen. Nicht ganz nachvollziehen kann ich die Tatsache, dass viele Leser die Todesanzeige (blau unterlegter Kasten auf Seite 1 mit roter Überschrift direkt am Seitenkopf – also extrem prominent platziert) nicht gelesen bzw. nicht kapiert haben. Weil mich ungefähr jeder Zweite fragt, ob ich jetzt arbeitslos sei. Die zweite Hälfte teilt sich in Menschen, die die Nachricht gar nicht mitgekriegt haben, und jene, die fragen, ob ich jetzt wieder beim Kurier arbeite …
Hinter dem Zeitungssterben steht die Frage, ob Journalismus derzeit besonders schwierig/Unangenehm/unvorhersehbar sei.
Ich ziehe eine andere Sichtweise vor: Journalismus ist derzeit extrem spannend! Ich muss/darf/sollte lernen, wie man in den elektronischen Medien tolle Geschichten erzählt. Wie man die neuen Möglichkeiten der Bildpräsentation nutzt. Wie man die Leser noch direkter anspricht und sie in die Story mit einbezieht. Es geht letztlich darum, den Journalismus von „toten Bäumen“ auf den flackernden Bildschirm zu übertragen. Mit den gar nicht mehr so neuen Medien die immer noch aktuellen Geschichten von Liebe, Tod und Machtstreben an den Leser/die Leserin zu bringen. Es geht darum, die jahrhundertealte Kunst des Geschichtenerzählens mit den modernen Medien weiterzuführen. Gerade das macht den Job derzeit so spannend. Weil niemand weiß, wohin die Reise geht. Weil niemand DIE zündende Idee für Bezahlsysteme im Internet hat. Weil die Beteiligung der Leser so unmittelbar geworden ist. Für uns Journalisten öffnet das alle Möglichkeiten: Neue Erzählformen, direkteren Kontakt zu den Lesern/Usern, aber auch neue Recherche- und Informationsmöglichkeiten.
Das ist natürlich nicht nur aufregend und spannend, sondern gelegentlich ganz schön mühsam. Vor allem bedeutet es, lieb gewordene Gewohnheiten über Bord zu werfen und neue Arbeitsmöglichkeiten auszuprobieren. Das ist für gar nicht wenige Kollegen offenbar eine unzumutbare Vorstellung. Wer’s nicht glaubt, googelt einfach mal die Kommentare zur FR-Einstellung, zum Ende der FTD und ähnliche Themen. Anstatt die Chance zu nutzen, verweigern sich allzuviele Kollegen den Chancen. Journalismus ist aktuell wohl ziemlich schwierig …

From → Arbeiten

2 Kommentare
  1. Norbert Heimbeck permalink

    Hallo Alex,den kulturellen Aspekt habe ich bewusst erst einmal außen vor gelassen. Du hast natürlich recht, dass die Zeitung ein eigenständiges Medium ist. Es geht meiner Meinung nach nicht darum, einen elektronischen Ersatz dafür zu finden. Vielmehr halte ich es für sinnvoll, zu einer Art Symbiose zu gelangen: Schnelle und brandaktuelle Informationen aus dem Netz, fundierte Einordnungen und Hintergründe auf dem Papier. Das wäre mein Wunschtraum.Wir Journalisten sollten uns aber dem neuen Medium Internet nicht a priori verweigern. Denn auch alkoholfreies Bier ist Bier, das in bestimmten Situationen bevorzugt konsumiert werden sollte.

  2. Alex permalink

    Einerseits ist es ja schön, wenn ich zuverlässige Informationen und gute Geschichten (möglichst in einer Sprache, die den Namen „deutsch“ auch verdient) digital bekommen kann. Andererseits sind die „toten Bäume“ nicht einfach durch „flackernde Bildschirme“ zu ersetzen. Die Zeitung ist mehr als ihr Inhalt, sie ist eben ein eigenes Medium, hat Kultur und vor allem etwas Kultiviertes. Elektronischer Ersatz dafür ist wie alkoholfreies Bier: Es schmeckt nur so ähnlich wie richtiges Bier und lässt deswegen kaum echte Freude aufkommen.Und Küchenabfälle kann ich in meine digitale Zeitung auch nicht einwickeln.

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