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Der Knödelforscher

24. November 2013

Es war einmal ein junger Mann, dem von seinen Eltern nichts hinterlassen worden war, als ein Kochbuch und die Liebe zu gutem Essen. Also zog er eines Tages in die Welt hinaus, um mindestens 38 Kleeß-Arten in Franken zu kosten. Die Frau, die sämtliche Knödelrezepte beherrschte, wollte er an seinen Herd führen, auf dass er künftig täglich diese Leckereien genießen dürfe. Daher machte er sich auf die Suche und erforschte Mittel-und Oberfranken sowie Thüringen.

Während seiner Expedition lernte er zahllose Wirtshäuser kennen, die ihm als Ausgangspunkt lokaler Beutezüge dienen sollten. In vielen Gaststätten fand unser Forscher dampfend heiße, feucht schimmernde, frisch servierte Kleeß auf seinem Teller. Genau richtig für unseren Feinschmecker. Ausgewogen die Mischung zwischen gekochten und rohen Kartoffeln, genial die Kombination der Erdäpfel mit Speckwürfelchen, faszinierend der Kontrast zwischen weichen Klößen und knusprigen Breggala im Inneren, aromatisch höchste Klasse die Serviettenklöße. Der Knödelforscher schwelgte im Genuss.

In Vorfreude auf die Köchin, deren sensible Hände die perfekt gerundeten Klöße formten, verschaffte er sich Zutritt zur Küche … Statt aber glückselig sein müdes Haupt an den runden Busen einer jungen und attraktiven Frau schmiegen zu dürfen, sah er sich dort meist alten Weiblein gegenüber, deren Kleeßkunst die Jahrzehnte überdauert hatte, nicht aber deren Schönheit. So war zwar sein Magen stets gut gefüllt, doch seines Herzens Sehnsucht blieb ungestillt.

So legte er Meile um Meile zurück, studierte aberhunderte von Speisekarten und verzehrte tausende von Klößen in allen nur denkbaren Kombinationen mit Soßen und Braten. Nach Jahren intensivsten Forschens gelangte er eines Tages wieder in seinen Heimatort. Dort kannte man ihn gar nicht mehr. Nur eine Maid, die unserem tapferen Forscher schon im Sandkasten selbst fabrizierte Knödel serviert hatte, erinnerte sich noch an ihn. Und so nahm sie all ihren Mut zusammen und sprach ihn an: „Edler Herr, ich habe von Eurem Forschungsprojekt gehört. Ich bitte darum, mit all den unbekannten Köchinnen und Wettstreit treten zu dürfen, um Euer Herz auf dem Wege durch den Magen zu gewinnen.“ Ob dieser Rede im Innersten berührt, nahm der Knödelforscher die Einladung der Holden an.

Am Sonntag darauf servierte sie ihm ein knuspriges Schäufele mit goldenen, samtweichen Knödeln in dunkelbrauner Biersoße. Nach dem ersten Bissen war es um unseren Forscher geschehen. Und wenn sie nicht gestorben sind, so knödeln sie noch heute …

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